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Buch Cover

Frauke Bahle, Julian Waldvogel: Vogelschiss. Die Graphic Novel gegen Rechts

Guano Project; Freiburg, 2021

Autoren: Frauke Bahle Julian Waldvogel

Schlagworte: Comics / Cartoons Rechtsextremismus / Faschismus

Rezension

„Wer schweigt stimmt zu“
Dieses Buch erreichte mich in einer Woche, in der in Thüringen Bernd Höcke zum Ministerpräsidenten gewählt werden wollte und in Baden-Württemberg ein AfD-Kandidat in den Verfassungsgerichtshof gewählt. In Thüringen blieb die CDU auf den Plätzen sitzen und der Abstimmung  fern, in Baden-Württemberg sorgt vor allem für Unverständnis, dass die Grünen die Wahl mit Enthalten ermöglicht haben (dieser Kritik ignoriert weitestgehend, dass der AfD-Mann in BaWü fast doppelt so viele Stimmen bekommen hat, wie die AfD Sitze hat, es als über die Grünen hinaus mehr als ein dutzend Landtagsabgeordnete der anderen Parteien gegeben hat, die in der Wahl eines AfDler in der Verfassungsgerichtshof das kleinere Übel zur Alternative sahen, in weiteren Wahlgängen (theoretisch in jeder Sitzung des Landtages bis zum Ende der Legislaturperiode) einen anderen AfD-Kandidaten vorgeschlagen zu bekommen … Aus unserer Geschichte sollten wir gelernt haben, dass Enthaltung Zustimmung ist. Die NSDAP hatte weder bei den Wahlen im November 1932 noch bei den Wahlen im März 1933 eine Mehrheit der Sitze oder Stimmen errungen. Dass heißt, weder die Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 noch die Annahme des Ermächtigungsgesetzes am 23. März 1933 spiegeln die Wahlergebnisse wider.
Ich will jetzt nicht die Enthaltung der Grünen in Baden-Württemberg und das Sitzenbleiben der CDU in Thüringen mit der Zustimmung des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz vergleichen: im Gegensatz zur Abstimmung am 23. März 1933 fanden die beiden Abstimmungen letzte Woche ohne Bedrohungen für Leib und Leben für die Abgeordneten statt. Ein klares Nein wäre also durchaus möglich gewesen. Und insofern ist eine Enthaltung als Zustimmung zu werten.
Dass die AfD nicht die wertkonservative oder nationalliberale Partei des demokratischen Spektrums ist, als die sie von ihren angeblich gemäßigten Epigonen gerne dargestellt wird, wird auch in dieser „Graphic Novel“ deutlich. Natürlich haben wir hier einen fiktiven Handlungsstrang und fiktive Handelnde. Aber einem Teil der Handelnden hat man reale, belegte Zitate von AfD und Umfeld in den Mund gelegt. Und insofern eine durchaus ernstzunehmende Kritik von Wesen und Wirken der AfD geschaffen.
Nein, der Besitz dieses Buches ersetzt nicht die Lektüre von Parteiprogrammen, Tageszeitungen und Sozialen Medien, wenn man sich ernsthaft mit der AfD auseinandersetzen will – aber meines Erachtens soll es das auch nicht. Es soll vielmehr zeigen, dass die Positionen der AfD nicht unwidersprochen bleiben. Und damit zeigt es mehr Haltung als die CDU in Thüringen oder die Grünen in Baden-Württemberg.
Dieses Buch ist teilweise über eine Crowd-funding-Kampagne finanziert worden, deren UnterstützerInnen unter dem Hashtag #wirsindmehr im Anhang des Buches aufgeführt sind. Auch wenn sich die Macher des Bandes schreiben: „Es war uns ein Anliegen zu zeigen, dass wir viele sind. Das ist uns geglückt. Danke, danke, danke!“ wirkt für mich die Liste eher kurz. Ich habe UnterstützerInnenlisten von zahlreichen (auch lokalen) Demoaufrufen aus den 80er und 90er Jahren in Erinnerung, die wesentlich länger waren. Wer es sich leisten kann, sollte sich überlegen, sich dieses Buch zu besorgen. Das Buch hat die ISBN 978-3-00-068890-4, sollte also über den lokalen Buchhandel bestellbar sein, auf der Webseite zum Buch (www.vogelschiss-comic.de) wird auf Amazon und eine lokale Freiburger Buchhandlung mit Online-Shop verwiesen.
Noch eines: das Buch ist zu Schade, um im Bücherschrank zu Verschwinden – legt es auf Euren Couchtisch und bekennt gegenüber eurem Besuch Farbe.

Autor: Stephan Jürgens